Leseprobe

Unter den Buttons finden Sie drei Leseproben zu folgenden Themen: Umgang mit einer Serienrolle, Nutzen und Fallstricke beim Spiel mit Requisiten, Vorbereitung auf ein Casting.

Durchgehende Serienrollen sind, wenn es sich nicht gerade um die Hauptrolle handelt, häufig unterentwickelt, unspezifisch oder rein funktional. Das ist unbefriedigend für Schauspieler. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen.

  • Unzufrieden zu sein und zu opponieren. Das Resultat ist unkalkulierbar und führt häufig zu einem Eigentor.
  • Stur vom Blatt zu spielen. Eine Haltung, die nicht zu empfehlen ist, da sie weder eine Entwicklung der Rolle noch der Persönlichkeit fördert. Und was sich nicht entwickelt, das schrumpft.
  • Sich intensiv mit der Figur auseinanderzusetzen, ausgehend von den vorhandenen Drehbüchern eine Vision zu entwickeln, die Vision einer runden Figur mit Hintergrund, mit Vorlieben, Abneigungen, Träumen, Widersprüchen, Facetten und Gewohnheiten. Je mehr ein Schauspieler über seine Figur weiß, umso klarer ist ihm, wie sie in verschiedenen Situationen auftritt.

Soweit Teil eins, die Vorbereitung. Teil zwei, die Umsetzung, erfordert Geduld und Diplomatie. Es geht darum, immer wieder kleine Facetten anzubieten, neue Qualifikationen für die Rolle einzufädeln und sie so nach und nach aufzuwerten.
Sehen wir uns einen Fall an, in dem eine Rolle der zweiten bis dritten Reihe zuerst immer unbedeutender und dann dank präziser Vorbereitungsarbeit sukzessive wieder größer wurde.

Die Schauspielerin, jung, hübsch und blond, war als Ermittlerin engagiert worden, um ein ansonsten männliches Kripo Team zu vervollständigen. Sie war zwar in vielen Szenen anwesend, aber darüber hinaus hatten die Autoren ihr so wenig Beachtung geschenkt, dass die Gefahr bestand, zum blonden Schwenkfutter zu verkommen. Der Figur war weder ein Privatleben zugedacht, noch hatte sie sonstige Eigenschaften. Sie war eine pure Funktionsfigur, die von Buch zu Buch, je nach den Vorlieben der wechselnden Autoren und je nach den Erfordernissen der Story, mal diesen, mal jenen Charakterzug aufwies.

Unerfahren und neu im Geschäft, hielt die Schauspielerin sich an die Drehbücher. Sie spielte, was da stand und nur das, was da stand. Sie merkte zwar, dass sie Schwierigkeiten hatte, ihre Figur zu füllen und ihr Präsenz zu verleihen, aber sie wusste nicht, wie sie das ändern sollte. Die Folge war, dass sie immer unsicherer statt sicherer wurde.
Als sie die ersten fertig geschnittenen Folgen sah, wunderte sie sich, dass sie in vielen Szenen nur noch als Hintergrundstaffage vorkam. Die Rolle litt an Schwindsucht. In dieser Situation wandte sie sich Hilfe suchend an mich und ließ sich coachen.
Wir sahen uns ein paar Folgen gemeinsam an, analysierten Defizite und Chancen. Es konnte nicht darum gehen, die Figur grundsätzlich zu verändern, sondern nur darum, sie prägnanter zu machen. Klar war, dass wir behutsam vorgehen mussten. Aber, die Schauspielerin war ja nicht ohne Grund besetzt worden. Man wollte ihre Frische, ihre positive, sportliche Ausstrahlung, ihre langen Haare und ihre Weiblichkeit. Das waren die Vorzüge, die sie für die Rolle mitbrachte. Die galt es noch bewusster einzusetzen.

Das größte Problem der Rolle waren die vielen Büroszenen, in denen sie wenig zu sagen hatte, mitunter in einer Dreiseitenszene nur einen einzigen Satz. Womit kann sie ihre Rolle füllen? Womit kann und will sie sich als Polizistin im Büro profilieren? Wir spielen verschiedene Möglichkeiten durch.

  • Blumen pflegen oder Kaffee kochen? Das gefällt ihr nicht und birgt die Gefahr, dass die Grenzlinie zur Sekretärin unscharf wird.
  • Eine Ermittlerin muss Berichte schreiben. Da stellt sich die Frage, wie sie schreibt. Bedient sie widerwillig das Einfinger Suchsystem oder ist sie perfekt im Umgang mit dem Computer? Die erste Version wird von der Schauspielerin als altmodisch, die zweite als uncharmant verworfen.
  • Einen Spiegel in der Schublade haben und sich schminken? Das ist ihr zu eitel. Sie liebt die Natürlichkeit der Figur.

Durch das Abklopfen der Möglichkeiten wird klar, dass die Schauspielerin längst genauere Vorstellungen von ihrer Rolle hat, als ihr bewusst war. Sie hat keine Lust, ihre Weiblichkeit zu betonen. Sie möchte lieber die burschikose, patente Seite verstärken, um den Männern im Team ebenbürtig zu sein.
Nach einer längeren Diskussion über das Verhältnis zu den verschiedenen Männern im Team kommen wir zu dem Schluss, dass „Gabi" sich nach einer Enttäuschung gegen Männer immunisiert hat und dass ihr derzeitiges Engagement ganz dem Beruf gilt. Nun stellt sich die Frage: Welche Teile ihres Berufes mag Gabi und welche nicht so?

Wir fangen wieder bei den Vorlieben der Schauspielerin an. Sie spielt am liebsten bewegte Außenszenen. Wenn sie rennen und jemanden einfangen kann, fühlt sie sich wohl. Nur, was nützt das für Büroszenen? Es wäre gut, wenn sie irgend etwas in die Büroszenen einführen könnte, was darauf hinweist, wie fit und sportlich sie ist. Welchen Sport könnte Gabi betreiben? Am besten etwas, was sie schon kann. Während der Dreharbeiten noch boxen zu lernen, ist schwierig.

Schade, eine hübsche Ermittlerin, die an einem Boxsack trainiert, wäre attraktiv und könnte der Rolle Respekt verschaffen. Da würde sich die Frage stellen, warum kann diese Frau boxen? Wenn man sich dazu eine Hintergrundgeschichte ausdenkt, bekommt die Rolle Tiefe. Selbst wenn dieser Hintergrund in der Serie nie enthüllt wird, hilft er beim Spiel. Aber vielleicht erzählt die Schauspielerin dem Autor oder der Producerin, was ihr eingefallen ist. Wenn sie Glück hat, fällt die Story auf fruchtbaren Boden und findet Eingang in eine der nächsten Folgen. Es kann sogar passieren, dass die Ermittlerin plötzlich selber zum Mittelpunkt einer herzergreifenden Geschichte wird. Wenn das gut ankommt, wird möglicherweise die Parole ausgegeben, dass die Rolle weiter ausgebaut wird. Damit hat die Schauspielerin wieder neue Möglichkeiten, ihr Können zu zeigen und gute Einfälle einzubringen. Die Rolle wächst. Je mehr sie wächst, desto bekannter wird die Schauspielerin. Der Zuschauer will mehr von ihr sehen. Die Schauspielerin macht Quote. Und irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem sich zeigt, dass nichts so erfolgreich ist wie der Erfolg. Vielleicht wird dann eine neue Serie extra für diese Schauspielerin geschrieben. Voraussetzung für diese märchenhafte, wenn auch nicht völlig unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte wäre, dass die Schauspielerin nicht nur boxen kann, sondern es dem Regisseur zum richtigen Zeitpunkt mitteilt und ihm begreiflich macht, dass das Büro attraktiver wäre, wenn hinter ihrem Arbeitsplatz ein Sandsack angebracht wird, an dem sie ab und zu trainieren kann und dem sie immer mal wieder, nur so im Vorbeigehen, ein paar spielerische oder ärgerliche Schläge versetzt.

Unsere Schauspielerin konnte leider nicht boxen und verpasste deswegen die Möglichkeit, ihre jeweilige Befindlichkeit über die Behandlung eines Sandsacks sichtbar zu machen. Wir mussten etwas finden, was sie schon kann.
Sie kann skaten, aber nicht gut genug... Von Hanteln oder einem Expander in der Schublade hält sie nichts... Aber sie ist eine begeisterte Radfahrerin. Sie lässt ihr Fahrrad nicht aus den Augen und nimmt es mit in jede Wohnung. Freunde spotten schon mal, sie sei mit ihrem Fahrrad verheiratet. Das würde auch zur Figur der Gabi passen, finden wir. Ein Fahrrad ist weiblicher als ein Motorrad und eignet sich außerdem für Verfolgungsjagden. Wenn Gabi ihr teures Edelfahrrad durch das Büro fährt und hinter ihrem Schreibtisch deponiert, ist das ein guter Effekt. Sie könnte das Rad gelegentlich auf den Kopf stellen und im Vorbeigehen rotieren lassen. Sie könnte im Büro kleinere Reparaturen ausführen wie Schläuche flicken und damit ihr technisches Geschick demonstrieren. Sie kann mit den Accessoires von Helm und Handschuhen spielen. Eine endlose Kette von Ideen taucht auf. Nun muss sie nur noch Produktion und Regie davon überzeugen, dass ihre Fahrradidee von Vorteil für die Serie ist. Neu hinzukommende Autoren werden sich davon inspirieren lassen.

In Kenntnis banaler Hindernisse meine ich, es könnte hilfreich sein, wenn die Schauspielerin anbietet, ihr eigenes Rad mitzubringen, damit erst mal keine zusätzlichen Kosten entstehen.

So machte sie es. Der Vorschlag wird tatsächlich aufgegriffen. Gleich in einer der nächsten Büroszenen wird das Fahrrad umgekehrt auf den Schreibtisch gestellt. Regisseur und Kameramann sind begeistert vom optischen Reiz. Gabi hat etwas zu tun und ihre Dialogsätze werden eindrücklicher, weil sie durch die sich drehenden Speichen abgeliefert werden.

Unser Arbeitsprozess war nicht linear. Wir analysierten die fertigen Folgen und kamen immer wieder zum Hintergrund der Figur zurück. Wir gingen von den vorhandenen Informationen aus und füllten die Löcher mit dem Charakter und den Vorlieben der Schauspielerin. Wichtig war uns, die Figur aus der Beliebigkeit herauszuholen und ihr eine schärfere Kontur zu verleihen. Wir redeten auch über Gabis Beziehung zur Weiblichkeit. Die Schauspielerin wollte weder Emanzipation zum Thema machen, noch ihre Weiblichkeit betonen, sondern das selbstverständliche Image einer durchtrainierten, jungen Frau aufbauen. Außerdem lag ihr daran, Gabis Mitgefühl und Klugheit herauszuarbeiten. Warmherzig und selbstbewusst sollte sie sein und sich mit humorvoller Leichtigkeit und einem Augenzwinkern in der Männercrew behaupten.
Auch wenn das nicht sonderlich originell ist, bekam die Schauspielerin durch die Auseinandersetzung mit der Figur ein neues Gefühl der Kompaktheit. Sie konnte sie nun auch in versprengten kleinen Szenen sicher zusammenhalten. Ihr Stand am Set verbesserte sich. Sie konnte eigene Vorschläge nicht nur fundierter vorbringen, sondern notfalls auch flexibler reagieren.

Wir hatten ein Verhör vorbereitet. Sie hatte sich als dominant und kühl taktierend in der Szene gesehen. Der Regisseur aber wollte es hochemotional gespielt haben. Durch die Sicherheit des Backgrounds, den sie sich erarbeitet hatte, konnte sie ohne Schwierigkeiten umschalten.

Die Vorgehensweise ist ohne weiteres auf andere Rollen übertragbar. Natürlich kann man diese Arbeit auch ohne Coach leisten. Aber mit Coach ist es einfacher.
Vergleiche Kapitel 14 „Zum Coaching".

Nachdem der Hintergrund der Figur geklärt war, wollten wir noch etwas finden, was die Figur unverwechselbarer machte, einen kleinen Tick, eine Marotte, einen Widerspruch zum allzu Geradlinigen. Was könnte das sein? Wir spielten auch hier wieder verschiedene Varianten durch:

  • Eine spezifische Art und Weise, sich eine ständig in die Stirn fallende Strähne hinters Ohr zu klemmen?
  • Kaugummikauen?
  • Streichhölzer als Zigarettenersatz benutzen?

Die Schauspielerin konnte sich für keinen dieser Klassiker erwärmen. Aber als ich sie fragte, was sie als Schülerin gemacht hat, wenn sie sich im Unterricht langweilte, leuchteten ihre Augen auf. Sie hat sich Lakritz Sternchen auf dem Handrücken platziert und sie einzeln abgeleckt. Das ist hübsch. Das würde der Rolle eine spielerische und genüssliche Komponente geben. Allerdings könnte man die Lakritz Sternchen nur sehen, wenn es eine Großaufnahme davon gäbe und das ist unwahrscheinlich. Wir überlegten weiter und kamen auf Lakritz Schnecken. Die kann man bis auf Armeslänge entrollen und wie ein kleines Seil schwingen, während man daran knabbert. Diese Möglichkeit merkten wir uns und warteten, bis in einem der Bücher eine Szene auftauchen würde, zu der dieser Einfall passte. Wahrscheinlich eine Observationsszene oder sonst eine Wartesituation. Wenn das Angebot einmal angenommen wurde, könnte sie es wiederholen. Die Lakritz Schnecken hatten unserer Ansicht nach das Zeug, zum Markenzeichen der Rolle zu werden. Sie wurden es tatsächlich. Die Lakritz Schnecken wurden auch vom Partner gern als Spielmaterial aufgegriffen: Sie wurden zum Vehikel für den kleinen Kollegenflirt zwischendurch.

Man kann hervorragend komische Wirkungen mit Requisiten erzielen. Rutschende Gegenstände, übergroße Taschen, turmhoch gestapelte Kartons, kurz, alle Handicaps sind potentiell komisch. Das Spiel mit Requisiten ist nicht nur für die Komödie angesagt, sondern kann auch andere Genres bereichern. Trotzdem gibt es ein paar Fallstricke.

  • Je komplizierter ein Requisitenvorgang ist, umso komplizierter wird die Sache mit der Kontinuität.
  • Der Schauspieler muss mit dem Requisit spielen, nicht das Requisit mit dem Schauspieler. Wenn die Gegenstände mitten im Satz vom Aktenordner rutschen und den Satz unverständlich machen, hat sich der Schwerpunkt verschoben.
  • Requisitenspiel kann zur Manie werden. Wenn ein Schauspieler beginnt, sich dahinter zu verstecken, ist eine Kehrtwendung zur Requisitenabstinenz angesagt.

Im Folgenden soll nicht die Rede davon sein, wie man über Requisiten einen Charakter transparent macht, sondern vom Interessenskonflikt zwischen Schauspieler und Requisiteur. Manche Schauspieler machen sich nicht klar, dass die Innenrequisite auch für die Anschlüsse der Requisiten verantwortlich ist. Sonst würden sie nicht zwischen den Proben aus lauter Nervosität in die aufgestellte Keksschale greifen oder ein paar Trauben vom Obstteller zupfen. Oft merken sie nicht einmal, welches Getuschel sie damit im Hintergrund auslösen.
„Jetzt hat der schon wieder zwischendurch Kekse gefressen! Und ich hab nur noch eine Packung. Als ob der nicht genug Gage kriegt, um sich selber Kekse zu kaufen."

Requisiten essende Schauspieler sind gefürchtet.

Requisiten außerhalb der Proben anzufassen, führt zu völlig überflüssigen Konflikten. Schwieriger ist es, wenn es ums Proben geht.
Der Requisiteur möchte seine Requisiten schonen. Der Schauspieler aber muss sich mit ihnen vertraut machen. Das ist nicht immer leicht zu vereinbaren. Doch wenn man diesen Konflikt zur Kenntnis nimmt, statt ihn zu ignorieren, kann man Lösungen finden.
Ein Schauspieler erntet nicht nur Verständnis, sondern durchaus auch Hochachtung dafür, dass er mit Requisiten proben will, bis er sie wirklich im Griff hat. Er muss nur einige Regeln beachten.

  • Requisit im Filmsinne ist alles, was beweglich ist.
  • Verschieben Sie keine Requisiten. Denn auch Requisiten haben Anschlüsse. Wenn eine Blumenvase Sie stört, weil Sie Ihnen die Sicht auf den Partner verstellt, dann sprechen Sie das an, aber schieben Sie die Vase bitte nicht eigenmächtig zur Seite. Es muss erst geprüft werden, ob die Vase verschoben werden darf.
  • Verschieben Sie auch keine Stühle. Kamera und Licht sind auf bestimmte Stuhlpositionen eingerichtet. Wenn der Stuhl verschoben wird, sitzt der Kollege auf einmal im Dunklen.
  • Nehmen Sie keine Requisiten ohne Absprache vom Set. Wenn Sie mit den Originalrequisiten proben wollen, fragen Sie, ob das möglich ist.
  • Wenn das nicht geht, verzichten Sie nicht auf die Probe, sondern proben Sie mit Ersatzrequisiten. Bitten Sie darum oder besser noch, improvisieren Sie selber.

Ein Beispiel: Sie sollen in der Szene einen Vertrag zerreißen. Das müssen Sie unbedingt ausprobieren und nicht nur pantomimisch. Aber sie müssen es nicht mit dem Originalvertrag tun. Sie können für die Probe genauso gut eine entsprechend dicke Zeitung nehmen.

Es gibt Requisiten, die sich verbrauchen. Manche sind teuer. Nicht immer gibt es einen Probehummer, bei dem man das Knacken der Schale ausprobieren kann. Es gibt schwer kalkulierbare Requisiten. Beim Öffnen von Champagnerflaschen kann es beim Dreh knallen, überschäumen oder leise puffen.

Bei nicht genau zu kalkulierenden Requisiten ist es gut, sich darauf einzustellen, dass Verschiedenes passieren kann.

Lassen Sie sich auf die jeweilige Situation ein und nutzen sie diese für die Spontaneität Ihres Spiels. Es sei denn, perfekte Handling ist Teil der Rolle. Wenn Sie als Oberkellner den Champagner gekonnt öffnen sollen, dann lassen Sie sich den Trick am besten schon bei der Vorbereitung der Rolle zeigen. Eine andere Möglichkeit ist, die geöffnete Flasche geschickt zur Kamera zu halten und den Korken mit der Serviette zu kaschieren, so dass Sie das Öffnen glaubhaft fingieren können. Demonstrieren Sie dem Kameramann, was Sie vorhaben und fragen Sie, ob das so durchgeht. Tun Sie das vor oder nach einer Durchlaufprobe. Damit sind Sie nicht lästig, sondern gewissenhaft. Das leichte „Plop", das in diesem Falle auf der Tonspur fehlt, kann ohne weiteres im Schneideraum unterlegt werden.

Requisiten, die aufgegessen oder getrunken werden, sind zwar in der Regel mehrfach vorhanden, aber nicht in beliebiger Anzahl.

Soll der erste Biss in einen Apfel gezeigt werden, braucht man für den Dreh pro Take einen Apfel. Erkundigen Sie sich, wie viele Äpfel da sind, und begnügen Sie sich für die Proben mit einem Apfel. Auch mit dem zweiten oder dritten Bissen können Sie ausprobieren, wie Sie mit einem Apfelstück im Mund sprechen.

Keine Casting Situation ist wie die andere. Die beste Vorbereitung ist, sich selber zu stärken, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, auch wenn die Situation selten so radikal sein wird, wie bei dem Casting, das Volker Schlöndorff in seiner Autobiografie schildert.

„Melville liebte es, diese casting sessions zu inszenieren. Er ließ eine Atelierhalle leer räumen, bis auf einen Tisch und Stuhl in der dem Eingang gegenüber liegenden Ecke. Dort nahm er Platz und die Darsteller mussten, geblendet von zwei Scheinwerfern, zunächst diese lange Diagonale von der Tür bis zu sich, der im Schatten saß, zurücklegen. Hatte ein Schauspieler sich von dieser Nervenprobe nicht einschüchtern lassen, löste Melville die Spannung mit größter Höflichkeit. Die wenigsten schafften allerdings die ersten dreißig Meter."

Ob man in so einer Situation besteht, hat weniger mit schauspielerischem Talent zu tun als mit Selbstwertgefühl. Es kommt durchaus vor, dass gute Schauspieler bei Castings schlecht sind und umgekehrt.

Casting ist eine Disziplin für sich. Sie kann entwickelt und geübt werden. Beim Casting steht nicht das Spielen im Vordergrund, sondern die Präsenz. Es geht darum, einen Eindruck von der eigenen Persönlichkeit vermitteln und von dem, was man drauf hat. Dazu muss man erst einmal wissen, was die eigenen Stärken und Grenzen sind. Eine realistische Selbsteinschätzung ist gefragt, Aufmerksamkeit und Flexibilität.
Wie ein Casting abläuft, hängt vom Casting Direktor ab, aber auch vom Schauspieler und vom Projekt. Die Dauer eines Castings variiert von wenigen Minuten bis zu einer Stunde. Es gibt Fließband Castings und solche, wo die Schauspieler einzeln bestellt werden.

Beim Casting für den dänischen Film IDIOTEN waren 35 Schauspieler gleichzeitig im Studio. Sie improvisierten anderthalb Stunden lang miteinander und wurden dabei von drei Kameras aufgenommen.

Selbst Castings bei Leuten, die man in anderem Zusammen-hang schon kennen gelernt hat, sind unvorhersehbar. Denn: die anderen haben sich verändert, man selber hat sich verändert, die Rahmenbedingungen und das Projekt sind neu. Es kommt also darauf an, adäquat auf die jeweils gegebenen Bedingungen zu reagieren und das gelingt nur, wenn man möglichst entspannt bei sich selber ist.

Sei einfach du

So lautet der wichtigste Ratschlag. Auch wenn dieses einfach man selber sein alles andere als einfach ist. Es geht darum, zu atmen, sich selber zu fühlen, zentriert zu sein und nichts hinzuzufügen, nicht drauf zu drücken. Es ist eine Sache des Selbstvertrauens: so bin ich - mehr brauche ich nicht zu sein.

Vorstellungsgespräche - Probeaufnahmen - Self Auditioning

Vorstellungsgespräche können allgemeiner Natur sein oder spezifisch, im Hinblick auf eine bestimmte Rolle geführt werden.

Wenn man in ein Café bestellt wird, kann man von einer reinen Gesprächssituation ausgehen. Bei einem Hotelzimmer Casting kann man gebeten werden, etwas anzuspielen.

Ein Hotelzimmer Casting muss nicht unbedingt unseriös sein. Es kann aus Zeit- und Raummangel dazu kommen, beispielsweise, wenn ein Regisseur auf Motivsuche unterwegs ist. Trotzdem kann es befangen machen, wenn man aufgefordert wird, im schmalen Raum zwischen Bett und Fenster etwas zu spielen. Hier gibt es nur eine Leitlinie: Achten Sie auf Ihre Würde, respektieren Sie Ihre eigenen Grenzen und tun Sie nur das, was Sie im Moment wirklich tun wollen. Es geht nicht darum, eine perfekte Performance zu liefern. Im Zweifel ist es besser, etwas nur anzuspielen und darauf zu vertrauen, dass Möglichkeiten gesehen werden.
Beim Termin in einer Produktions- oder Castingfirma sollte man sich vorher erkundigen, ob es sich um einen Gesprächstermin handelt, oder ob auch Aufnahmen gemacht werden sollen, und wenn ja, mit was zu rechnen ist. Denn auch Probeaufnahmen sind höchst unterschiedlich. Im Folgenden ein Überblick zu gängigen Möglichkeiten.

Bei der Eigenvorstellung wird der Schauspieler gebeten, auf eine Markierung zu gehen und dort seinen Namen zu nennen, ein paar Sätze zu sich zu sagen, sich einmal ins Profil zu wenden und dann aus der Einstellung heraus zu gehen. „Fürs Archiv", wird vielleicht noch gesagt. Achtung Falle! Wenn der Schauspieler denkt, die wollen nur meine Figur, meinen Gang, mein Profil und meine Grossaufnahme auf dem Videoband haben, dann sieht man auf dem Band einen Schauspieler, der einen leeren Gang macht. Auch wenn anscheinend nur Positionen gefordert sind, sollte man sich einen Subtext geben, etwas denken oder fühlen, um als Schauspieler präsent zu sein.

Es ist ein Balanceakt. Wenn man die Aufgabe allzu bieder erfüllt, wird man nicht in Erinnerung bleiben. Wenn man einen Comedy Act daraus macht, hat man vielleicht einen momentanen Lacherfolg, legt sich aber in eine Richtung fest. Hier sei an den Bewusstseinsfluss erinnert, eine Möglichkeit, dicht bei sich zu sein und gleichzeitig offen.

Charakterimpro
Man bekommt vorm Casting eine Rollenbeschreibung geschickt und vor Ort dann ein paar Situationen, die man von diesem Charakter aus spielen soll. Hier geht es darum, präsent zu sein und mit Spielfreude zu improvisieren. Eventuell kann man noch eine zweite Interpretation anbieten. Man sollte aber auch darauf gefasst sein, dass man etwas ein paar Mal wiederholen soll. Ein Test, wie präzise man arbeitet.

Zum Cold Reading bekommt man vor Ort einen Text und hat etwa zehn Minuten Vorbereitungszeit. Da sollte man die Zeit nicht mit Auswendiglernen vertun, sondern den Charakter entwickeln, indem man von sich ausgeht, sich den Fokus der Szene klar machen, die Gefühlspunkte und was man spielen möchte. Das Wie ergibt sich dann und kann unter den Händen der Regie modifiziert werden.
Man darf das Papier als Stütze in der Hand behalten. Wie man damit spielt, kann man üben. Ein Trick ist, den Daumen an der letzten Stelle zu halten, damit man den Text wieder findet, nachdem man sich gelöst hat.

Wenn man aufgefordert wird, das Papier wegzulegen, keine Angst vor Pausen oder Versprechern. Niemand erwartet Perfektion. Es kommt auf das Gefühl an und darauf, dass man in der Situation bleibt, oder nach einer Unterbrechung wieder hinein schlüpft.

Beim Warm Reading bekommt man vorm Casting eine Szene zugeschickt. Hier wird nicht nur erwartet, dass man Figur und Szene vorbereitet hat, sondern auch, dass man den Text kann. Man sollte vorher fragen, ob es einen Anspielpartner vor Ort gibt oder ob der Text eingesprochen wird. Manchmal kann man einen Kollegen mitbringen. Wenn man gefragt wird, ob man als Anspielpartner fungieren würde, sollte man das als willkommene Trainingsmöglichkeit sehen und ernst nehmen. Auch wenn man nur anspricht, man hinterlässt einen Eindruck.

Wenn beim Vorspielen etwas misslingt, sollte man möglichst nicht abbrechen und neu anfangen, das erhöht den Erfolgsdruck beim zweiten Beginn. Günstiger ist es, sich während des Spiels zu korrigieren. Niemand nimmt einen missglückten Anfang übel, wenn man dann im Verlauf der Szene zu sich findet.

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